Zwischen Chaos und Klarheit – warum ich glaube, dass Unruhe keine Krankheit ist
Ein persönlicher, ehrlicher Text über mein Leben im Spannungsfeld zwischen Unruhe und Klarheit. Ich denke, fühle und handle intensiver als die meisten – hinterfrage, was andere längst akzeptiert haben, bewege mich unaufhörlich und suche Sinn im Chaos. Meine Energie und Rastlosigkeit sind zugleich Antrieb und Belastung – und ich will sie nicht zähmen. Statt meine innere Unruhe als Störung zu sehen, verstehe ich sie als Quelle von Kreativität, Bewusstsein und Lebendigkeit. Dieser Blog ist mein Plädoyer dafür, das Unfertige, Chaotische und Unangepasste nicht zu bekämpfen, sondern als Teil des Menschseins zu begreifen – als Beweis dafür, dass ich wirklich lebe.
MENSCHLICHKEITGEDANKEN
Jeremy Pape
10/26/20254 min lesen
Zwischen Chaos und Klarheit – warum ich glaube, dass Unruhe keine Krankheit ist
Ich philosophiere viel. Zu viel, sagen manche. Ich hinterfrage alles, besonders das, was andere längst als „normal“ akzeptiert haben. Nicht, weil ich dagegen sein will – sondern, weil ich wissen will, warum.
Während andere sich mit den Regeln arrangieren, suche ich nach den Gründen hinter den Regeln. Während andere Stabilität finden, finde ich Bewegung.
Ich bewege mich tatsächlich – im wahrsten Sinne des Wortes. Dreißigtausend Schritte am Tag sind für mich kein Ausnahmezustand, sondern Normalität. Ich laufe, wenn ich denke. Ich denke, wenn ich laufe. Diese Bewegung ist mein Ventil, mein Kompass, mein stilles Gebet.
Ich bin voller Energie, voller Tatendrang, mit einem fast kindlichen Drang, etwas zu bewirken. Aber gleichzeitig habe ich eine tiefe Abneigung gegen alles, was sich nach Pflicht anfühlt. Alles, was mich nicht interessiert oder außerhalb meines Einflusses liegt, prallt an mir ab wie Regen an einer Scheibe.
Es gibt Tage, da will ich nach dem Training oder der Uni mit niemandem reden. Dann gehe ich raus, 5, 6, 7, manchmal 8 Kilometer, einfach so. Ich brauche diese Stille. Nicht, um mich zu isolieren, sondern um mich wieder zu hören. Dann, irgendwann, schreibe ich – diesen Blog, meine Gedanken, meine Sprünge, meine Brüche.
Ich schreibe, um zu verstehen. Ich schreibe, weil mein Kopf sonst überläuft. Es ist ein inneres und äußeres Chaos, das mich begleitet. Es belastet mich, ja – aber ich will es nicht „behandeln“. Nicht beruhigen. Nicht in Watte packen.
Denn ich glaube:
In jedem Chaos liegt ein Sinn. In jedem „Handicap“ eine Superkraft.
Ich bin überzeugt, dass man nicht jedes Feuer löschen sollte, nur weil es brennt. Manche Brände wärmen uns, formen uns, lehren uns, Licht zu sein, wenn alles dunkel wirkt.
Unsere Gesellschaft ist schnell darin, Unruhe zu pathologisieren. „Zu viel Energie“, „zu viele Gedanken“, „zu wenig Ruhe“. Aber was, wenn genau das unser Motor ist? Was, wenn die, die nicht in das Raster passen, die Raster überhaupt erst sichtbar machen?
Ich weiß, dass ich oft an Erwartungen ersticke. Ich starte Dinge mit einer Wucht, einer Begeisterung, die alles überrollt. Ich renne 80 % eines Weges mit Leichtigkeit, mit Leidenschaft – und dann bleibt’s liegen. Nicht, weil ich nicht will, sondern, weil mein innerer Kompass schon wieder woanders hinzeigt.
Die Welt sieht dann nur das Endergebnis – und das ist, von außen betrachtet, oft nichts. Aber das stimmt nicht. Denn zwischen Start und Stillstand liegt ein Universum.
Ein Universum aus Ideen, Emotionen, Verbindungen, die vielleicht kein sichtbares Produkt ergeben, aber unzählige unsichtbare Spuren hinterlassen.
Vielleicht liegt unser Fehler darin, dass wir Erfolg immer am Ende messen – an dem, was fertig ist.
Aber was, wenn das Wertvollste unterwegs passiert?
Ich sehe mein Chaos nicht mehr nur als Bürde, sondern als Lebensform. Eine, die mich zwingt, echt zu bleiben. Eine, die mich erinnert, dass Kontrolle nicht gleich Klarheit bedeutet.
Ich will nicht „funktionieren“. Ich will fühlen, denken, taumeln, wieder aufstehen – echt leben.
Und vielleicht, nur vielleicht, ist das die gesündeste Form von Unruhe, die es gibt.
also...
Wir leben in einer Welt, die das Fertige feiert – nicht das Werdende.
Alles muss messbar sein: Produktivität, Fortschritt, Leistung, Glück. Selbst Zufriedenheit ist heute eine Kennzahl. Wir leben in einer Kultur, in der „Ruhe“ und „Erfolg“ dieselbe Sprache sprechen – und das Chaos, das Dazwischen, das Fragende, gilt als Störung.
Dabei entsteht das Neue nie aus Ruhe.
Kein Gedanke, der die Welt verändert hat, kam aus einem ausbalancierten Zustand. Kreativität ist selten leise. Erkenntnis wächst nicht aus Routine, sondern aus Reibung.
Und doch: Wir zähmen alles. Wir sortieren, regulieren, therapieren, dämpfen.
Wir machen Menschen glatt – damit sie funktionieren.
Aber Funktionieren ist nicht Leben. Funktionieren ist das Gegenteil von Fühlen.
Ich sehe so viele, die auf Autopilot durch ihren Alltag gleiten. Beruf, Beziehung, Wochenende, Urlaub – Repeat.
Alles durchstrukturiert, alles „stabil“. Und doch so viele leere Gesichter.
Vielleicht ist das die eigentliche Krankheit unserer Zeit: eine Gesellschaft, die das Lebendige so sehr fürchtet, dass sie alles Lebendige betäubt.
Ich glaube nicht, dass jeder Mensch ruhig sein sollte. Ich glaube, wir brauchen mehr Unruhe.
Wir brauchen mehr Menschen, die Fragen stellen, statt Antworten zu kopieren.
Mehr, die losrennen, ohne genau zu wissen, wohin.
Mehr, die Projekte anfangen, weil sie etwas spüren – nicht, weil es im Lebenslauf gut aussieht.
Diese Unruhe ist kein Defizit. Sie ist eine Form von Bewusstsein.
Sie zwingt dich, ehrlich zu bleiben – auch, wenn es unbequem ist.
Sie bringt dich an Grenzen, ja. Aber sie öffnet auch Räume, die du sonst nie betreten würdest.
Und natürlich ist es anstrengend.
Natürlich ist es chaotisch, oft zerstörerisch, manchmal selbstzerstörerisch.
Aber ich frage mich:
Wäre es wirklich besser, alles in mir zu beruhigen – nur, um „normal“ zu sein?
Oder ist dieses Chaos vielleicht der Preis, den man zahlt, wenn man lebendig bleibt?
Ich sehe meine Erschöpfung nicht mehr als Schwäche, sondern als Beweis.
Ein Beweis dafür, dass ich fühle, dass ich denke, dass ich bin.
Ich will lieber an meiner eigenen Energie verbrennen, als in der Fremdenergie anderer erstarren.
Vielleicht ist das mein eigentlicher Protest gegen diese Gesellschaft:
Nicht alles heilen zu wollen, was anders ist.
Nicht alles verstehen zu müssen, was chaotisch ist.
Nicht alles abschließen zu wollen, was unfertig bleibt.
Denn das Unfertige ist ehrlich.
Das Chaos ist ehrlich.
Und vielleicht ist genau das unsere größte Aufgabe:
Nicht, unser Chaos zu besiegen – sondern, es zu übersetzen.
Auch wenn es mir selber nicht gelingt.