Rio, der graue deutsche Alltag und der Riss in meiner Fassade
Resümee Brasilien Urlaub
GEDANKENMENSCHLICHKEIT
Jeremy Pape
2/14/20263 min lesen


Ich bin zurück. Und ehrlich gesagt: Es nervt.
Kaum setzt der Flieger auf deutschem Boden auf, spürst du es. Es ist nicht nur das graue Wetter. Es ist diese Schwere in der Luft. Du steigst aus, schaust in die Gesichter der Leute und siehst Sorgenfalten, Hektik und diesen tunnelartigen Blick, der bloß keinen Kontakt sucht. Willkommen zurück im Land der Dichter, Denker und Dauernörgler.
Ich komme gerade aus Rio de Janeiro. Und dieser Kontrast ist wie eine kalte Dusche.
In Deutschland haben wir alles. Sicherheit, Infrastruktur, Regeln für jede Eventualität. Wir sind reich. Aber sind wir lebendig? In Rio habe ich Menschen gesehen, die materiell oft nur einen Bruchteil von dem besitzen, was hier als Existenzminimum gilt. Und trotzdem: Sie lachen. Sie sind entspannt. Sie schauen dir in die Augen und sehen einen Menschen, kein Hindernis. Sie haben weniger, aber sie sind mehr.
Der harte Weg nach oben
Typisch für mich: Ich konnte nicht einfach wie jeder Tourist mit der Bahn zur Christus-Statue hochfahren. Ich musste wandern. Schwitzen. Den Körper spüren. Es ist dieser alte Drang in mir, sich Bewegen zu müssen. Aber oben angekommen, mit der Sonne im Gesicht und Rio zu meinen Füßen, passierte etwas. Die Anstrengung fiel ab. Es blieb nur Ruhe. Zeit zum Denken. In Deutschland optimieren wir unsere Freizeit, wir takten unsere Erholung durch. Dort habe ich einfach existiert.
Die angekratzte Schale und der weiche Kern
Ich kann trocken sein. Ich bin direkt, manchmal zynisch, getrieben. Meine Schale hat Kratzer, sie ist gegerbt vom Anspruch, immer abzuliefern. Viele halten mich vielleicht für einen stumpfen Hund.
Aber Rio hat diesen Panzer geknackt.
Es gab diesen Moment vor einem kleinen Shop. Ich hatte noch meine letzten Reais in der Tasche. In Deutschland hätte ich wahrscheinlich kalkuliert: "Brauche ich das noch für den Kaffee am Flughafen? Wechsel ich das zurück?"
Dort? Ich sah eine Person vor dem Laden, der es offensichtlich nicht gut ging. Und ohne nachzudenken, ohne diesen typisch deutschen "Was macht der wohl damit"-Filter, habe ich meine Taschen geleert. Alles, was an brasilianischem Bargeld noch da war. Einfach rübergegeben. Nicht, um mich als Gönner zu fühlen. Sondern weil es sich in dem Moment richtig anfühlte.
Und da war sie, die Erkenntnis: Unter dieser angekratzten, harten Schale, unter dem Zynismus, den man sich im deutschen Ellenbogen-Alltag zulegt, bin ich im Kern ein guter Mensch. Ich will geben. Ich will, dass es anderen gut geht. In Rio war es leicht, dieser Mensch zu sein.
Warum Deutschland mich gerade wütend macht
Jetzt bin ich hier und merke, wie sich die Schale wieder schließt. Ich muss mich wieder panzern. Aber nicht gegen Kriminalität oder Armut, sondern gegen unsere eigene Einstellung.
Mir ist eines klar geworden: Unsere Laune ist viel schlechter als die Lage.
Ja, Deutschland steigt wirtschaftlich gerade vielleicht etwas ab. Wir sind nicht mehr der unangefochtene Musterschüler. Aber machen wir uns nichts vor: Wir jammern immer noch auf absolutem Weltklasse-Niveau. Wir sind nach wie vor eine Top-Nation. Wir haben ein Sicherheitsnetz, von dem 90 % der Weltbevölkerung nur träumen können. Aber wenn man hier die Nachrichten liest oder am Stammtisch zuhört, könnte man meinen, wir leben in einer Ruine.
Und hier ist mein Rat an uns alle – und an mich selbst: Hört auf, die politischen Probleme zu euren persönlichen zu machen.
In Deutschland lassen wir zu, dass die Unfähigkeit der Politik, der Ärger über Bürokratie oder die wirtschaftlichen Prognosen unser persönliches Glück auffressen. Wir tragen die Last des Bundestags mit an den Frühstückstisch. Warum?
Die Menschen in Rio haben politisch und wirtschaftlich ganz andere, existenzielle Sorgen. Korruption, Kriminalität, Inflation. Aber sie lassen nicht zu, dass diese externen Faktoren ihr Inneres vergiften. Sie trennen das System vom Leben.
Wir Deutsche sind Meister darin, das Haar in der Suppe zu finden, während die Cariocas einfach die Suppe genießen. Wir verwechseln oft Wohlstand mit Wohlbefinden.
Was bleibt?
Ich werde versuchen, den Rio-Vibe zu konservieren. Weniger müssen, mehr sein. Die Politik Politik sein lassen und mich auf das konzentrieren, was ich beeinflussen kann: Meine eigene Haltung. Und vor allem: Öfter zulassen, dass der gute Kerl unter der Schale rauskommt, auch wenn die Umgebung hier grau und abweisend ist.
Vielleicht ist der wahre "Forged Flow" nicht immer der Kampf um den Sieg. Manchmal ist es einfach der Mut, entspannt zu bleiben, wenn alle anderen durchdrehen.
Até logo, Rio.