Bin ich ein Hochstapler?
Ein offener Brief zur Selbstanalyse
GEDANKENMENSCHLICHKEIT
Jeremy
2/18/20265 min lesen


Es fühlt sich seltsam an, das hier so offen hinzuschreiben, fast schon gefährlich, aber ich muss diesen Gedanken jetzt einfach freien Lauf lassen. Ich sitze hier um 4:14 Morgens und frage mich in letzter Zeit immer öfter: Bin ich eigentlich ein Hochstapler? Und viel wichtiger: ist das überhaupt zwingend etwas Schlechtes?
Ich fange an zu schreiben und merke, wie unsicher sich das anfühlt. Diese ständige schüchternheit, dieses Stottern, wenn die Worte nicht so fließen wollen, wie sie in meinem Kopf existieren. Meine Gespräche sind oft nicht die längsten oder flüssigsten. Meine Grammatik? Wahrscheinlich ein Albtraum für jeden Lehrer. Und doch... da ist dieses Gefühl, dass ich wortgewandt bin. Nicht auf die Standard-Art. Eher auf eine außergewöhnliche, fast schon skurrile Weise. Ich benutze Wörter, die andere liegen lassen, und wiederhole sie so lange, bis mein Umfeld sie plötzlich selbst übernimmt. Ich merke, wie mein Wort an Gewicht gewinnt, gerade weil ich die Regeln der Sprache ignoriere und meine eigenen schaffe.
Manchmal erschrecke ich vor mir selbst. Ich „trolle“ Leute, rede bewusst Unsinn, nur um zu sehen, wie sie reagieren und mich darüber zu amüsieren.. Es ist manipulativ, das sehe ich immer wenn ich es aufschreibe. Aber das Verrückte ist: Genau diese Menschen: die Trainer im Verein, die Familienväter, die Kinder, kommen in den Momenten, in denen es wirklich brennt, zu mir. Sie wollen eine Antwort von mir, einem 20-Jährigen. Warum suchen sie ausgerechnet bei mir nach Halt?
Vielleicht, weil ich eine Wahrheit verstanden habe, die ich heute beim Real-Benfica Spiel wieder beobachten konnte. In Diskussionen in einem Chat mit einen Kollegen, der meinen Punkt allerdings nicht für richtig hielt oder verstand. Da sind diese Probleme zwischen Vini Jr. und den Fans. Aber wenn ich tiefer grabe, sehe ich: Es gibt keine natürlichen Probleme. Es gibt nur Tatsachen. Ein Problem entsteht erst in dem Moment, in dem wir eine Tatsache bewerten. Wir erschaffen uns die Hürden selbst, weil wir Angst vor der Einfachheit der Tatsachen haben. Es ist kein allgemeines "Problem" wie Vini dort Jubelt. Es ist die Wertung der Fans, die dass zu einem machen. Die Natur legt keine Probleme fest. Dass "Unwetter" ist kein Problem, es ist ein Natürlicher Prozess für die Vegetation dieser Erde. Er ist sogar Lebensnotwendig. Dass du dieses als Problem empfindest, da du genau heute keinen Schirm dabei hast, zeigt nur: Dass Problem herrscht nur in DEINEN Kopf. Unterbewusst denke ich schon immer anders. Ich gerate manchmal in Gespräche oder Konflikte mit Bekannten, Familie oder Freunde: Sie sprechen über meine Lebensplanung, Finanzplanung, dinge die ich zu erledigen zu scheinen MÜSSTE. Sie wundern sich "Wieso interessiert dich dass nicht?", "Das muss gemacht werden!". Weil nahezu alle Menschen (in meinen Umfeld) nicht verstehen, dass diese Probleme, die nur in dem Kopf einzelner Funktionieren, dadurch stehts Subjektiv getragen werden. Nochmal: Es gibt keine allgemeinen Probleme.
Ich denke dass macht mich zu einem Zeitgenosse, auf den Menschen in gewissen Situationen dann zählen, oder besonders angewiesen sind. Weil ich ihnen (meistens) nicht dass erzähle, was die anderen erzählen würden. Weil ich oft Distanzierter auf Gewohnheiten der Norm gucke. Nicht die Probleme aufzähle, die sie haben, weil sie für mich gar keine sind. Und da sie für mich keine sind, bin ich von ihnen nicht geblendet, wenn wir darüber sprechen was jetzt der nächste Schritt wäre (oder so). Was natürlich nicht heißt, das ich mir selber keine Probleme mache. Ich mache mir ständig welche. Nur andere und ich lerne sie anders zu behandeln. Das ist meiner Meinung nach auch Wichtig: Jedes Problem hat eine gewisse Aufgabenstellung. Nur so wachse ich (wir). Es gibt nichts schlimmeres, als 5 reibungslose Tage, auch wenn wir uns manchmal danach sehnen, merken wir, wie doof es doch eigentlich ist, sobald wir es mal haben.
Das alles bringt mich zu meinem Kern-Gedanken: Du wirst, was du bist. Du bist das, was du sein kannst. Wir belügen uns ständig selbst und behaupten, alles sei erlernbar. Du kannst nicht Profifußballer werden, wenn du es nicht gut genug kannst. Die Fähigkeit eines Speakers kannst du nicht mühsam lernen: du musst es SEIN. Genauso wenig schreibst du einen erfolgreichen Blog; du musst ein erfolgreicher schreiber SEIN. Wir weichen unseren Talenten oft aus, gerade weil sie uns so leicht fallen. Wir suchen das Schwere, um uns wichtig zu fühlen, und ignorieren dabei das, was wir im Kern bereits sind.
Ich schaue zurück auf meinen Weg zum Jugendleiter im Verein. Ich würde heute behaupten, dass ich mich im Kinderfußball gut auskenne, aber am Anfang habe ich ganz anders funktioniert. Ich hatte keine Ahnung, habe mir aber durch sinnvolles Gerede und geschicktes Auftreten einen Ahnungsfaktor gegeben, den ich faktisch noch gar nicht besaß. Ich habe Visionen verkauft und dadurch erfahrene Trainer in den Verein holen können, die teilweise ganze Mannschaften von anderen Clubs mitbrachten. Ich habe ihnen etwas erzählt, während ich selbst erst am Anfang meines Lernwegs stand. Ich habe den Rahmen für eine Kompetenz geschaffen, die ich erst später ausgefüllt habe.
Es erinnert mich an die Geschichte damals, als ich noch ein Jugendlicher war. Heute kenne ich mich in mehreren Programmiersprachen sehr gut aus und setze Projekte um. Aber damals? Damals konnte ich noch kein Java. Trotzdem habe ich es geschafft, mich ohne KI und mit begrenzter Google-Hilfe in ein Entwickler-Team eines Videospiels reinzumogeln. Ich saß da als „Developer“ an Minispielen und hatte keinen Plan. Mein Trick war es, geschickte Fragen zu stellen wie: „Wie würdest du das jetzt machen?“ Ich habe die Fragen so formuliert, als würde ich ihre Kenntnisse infrage stellen oder sie prüfen wollen. In Wahrheit habe ich so ihre Logik aufgesaugt und die Entwicklung erst dadurch erlernt. Alle dachten, ich konnte es bereits und würde ihnen helfen. Später konnte ich es dann wirklich und habe echte Ziele umgesetzt. Da es ein Hobbyprojekt war, blieb es ohne Konsequenzen, aber das Muster war dasselbe.
War das Hochstapelei? Vielleicht. Aber heute beherrsche ich die Programmiersprachen. Heute kenne ich mich im Kinderfußball aus. Ich habe das Ziel erreicht, indem ich so getan habe, als wäre ich schon da. Und hier werde ich mir jetzt sicher: Das war kein Betrug. Es war ein Vorgriff auf die Realität. Wenn du etwas wirklich SEIN willst, musst du den Raum dafür einnehmen, noch bevor du alle Zertifikate der Welt dafür hast.
Wir schaffen uns unsere Probleme selbst, indem wir darauf warten, „bereit“ zu sein. Aber die Tatsache ist: Du bist es oder du bist es nicht. Ich werde aufhören, mich dafür zu entschuldigen, dass ich Abkürzungen nehme oder Menschen mit meinen Worten lenke. Wenn das Ergebnis eine echte Entwicklung ist: im Verein, in der Software, in mir selbst, dann ist das „Hochstapeln“ nur der Name, den die Ängstlichen dem Mut zur Selbstverwirklichung geben. Vielleicht kann man mich Hochstapler nennen, aber Ich bin vielleicht jemand, der die Wahrheit früher sieht als manche anderen und sie so lange behauptet, bis sie für alle sichtbar wird.